Helmut Hertling

Eine Darstellung von Barthold Olbers

http://homepage.hamburg.de/menschenrechtsbund/hertling.html

 

 

 

 

 

 

 

Seine Jugend

Helmut Hertling wurde am 30. Oktober 1890 geboren, und er starb am 8. Dezember 1991 im Alter von 101 Jahren.

 

Sehr geprägt hat ihn sein Aufenthalt als Austauschschüler bei einer Familie in Frankreich. Damit begannen seine langjährige Freundschaft mit dieser Familie und seine Sympathie für die Franzosen.

 

Er wurde Mitglied der damaligen Jugendbewegung. Der Verein, dem er sich anschloss, hieß „Freideutsche Jugend“. Über die Ziele weiß ich (Olbers) fast nichts, aber mit Sicherheit gehörte eine gesunde Lebensweise und das Eintreten für Ideale dazu. Herr Hertling hat nie geraucht und sich nicht betrunken. Gewarnt hat er später vor dem Gebrauch von zu viel Zucker. Seine gesunde Lebensweise hat sicherlich dazu beigetragen, dass er das hohe Alter von 101 Jahren erreicht hat. Begeistert war er von Großveranstaltungen auf dem Hohen Meißner. Die Freundschaften, die er dort begann, behielt er bis in sein hohes Alter aufrecht. Die Gemeinschaft besteht heute noch und heißt jetzt „Freideutscher Kreis“.

 

Die Zeit um den Ersten Weltkrieg

Hertling studierte unter anderem in Marburg bei den Professoren Natorp und Schücking. Nach Hertlings Darstellung vertraten sie Vorstellungen zur Friedenspolitik, die später von den Weltföderalisten aufgegriffen wurden. Es gab zu jener Zeit Bestrebungen, internationale Friedenskonferenzen durchzuführen und eine internationale Friedensordnung einzurichten, deren Kernstück ein internationaler Gerichtshof sein sollte. Der Deutsche Kaiser soll das abgelehnt haben und sinngemäß gesagt haben: „Das ist Papperlapapp. Wir verlassen uns lieber auf Gott und auf das Schwert.“ Die Professoren Schücking und Natorp verkündeten daraufhin: „Das bedeutet Krieg!“ Und sie hatten Recht!

 

Im Ersten Weltkrieg war Hertling Soldat. Er hat später oft erzählt, dass er den Befehl bekam, mit der Kanone auf den Kirchturm der französischen Stadt Béthune zu schießen. Ob er dann tatsächlich geschossen hat, weiß ich nicht. Aber dieses Erlebnis hat ihn zutiefst erschüttert. Vielleicht schon vor dem Ersten Weltkrieg, aber spätestens direkt nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG), heutige Namen: DFG-IDK und DFG-VK. Sein Beruf: Er war Lehrer. Bis ins hohe Alter war ihm dieser Beruf anzumerken.

 

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Viele Jahre lang war Hertling Vorsitzender des Landesverbandes Hamburg der DFG. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahre 1948, machte ein Mann von ich reden: Es war Gary Davis. Er nannte sich „Weltbürger Nr. 1“ und begründete die internationale Weltbürger-Bewegung. Daraus ging unter anderem das Internationale Weltbürger-Register in Paris hervor. Herr Hertling schloss sich dieser Bewegung sofort begeistert an und konnte auch einige seiner Gesinnungsfreunde aus der DFG mitreißen. Bald wurde er Vorsitzender des Hamburger Weltbürgervereins. Er blieb dieser Bewegung bis zu seinem Tode treu. Als die Aufbruchstimmung bei den Hamburger Weltbürgern nachließ, empfahl er den Weltbürgern den Eintritt in die DFG. Ich nehme an, dass der Arbeitsschwerpunkt der DFG unter Hertlings Leitung bei Vorträgen und Diskussionen lag. Gleichzeitig bot die DFG Beratung für Kriegsdienstverweigerer an. Dadurch geriet die DFG immer stärker unter den Einfluss der Kriegsdienstgegner. Das führte in den späten sechziger Jahren zur Fusion mit der „Internationalen der Kriegsdienstgegner“ (IDK) - heutige Namen: DFG-IDK und DFG-VK. Vorsitzender des fusionierten Hamburger Vereins DFG-IDK wurde Herr Günter Kahl.

 

Die „Friedensakademie“

Herr Hertling war nun nicht mehr Landesvorsitzender der DFG. Also gründete er einen neuen Verein in den vertrauten Räumen und mit den vertrauten Leuten, so dass er weiter seine eigenen Vorstellungen verwirklichen konnte. Etliche Weggefährten aus dem Freideutschen Kreis, aus der Deutschen Friedensgesellschaft und aus der Weltbürgergruppe hielten ihm dabei die Treue. Er organisierte Vorträge und Diskussionen, entschied über die Themen und Referenten und bemühte sich, dabei sein Gedankengut zu verbreiten. Seine Verbundenheit mit dem Internationalen Weltbürger-Register und nahestehenden Einrichtungen wie Schloss La Lambertie hob er stets besonders hervor. Großen Wert legte er auf internationale Kontakte. Er pflegte Freundschaften durch Briefwechsel und gegenseitige Besuche mit etlichen Vereinen und führenden Persönlichkeiten der deutschen und ausländischen Friedensbewegung. Darunter waren die Weltföderalisten (auch WFM), der Versöhnungsbund, die Deutsche Liga für Menschenrechte, Servas, War Resisters International, Campaign for Nuclear Disarmament und „World Constitution and Parliament Asssociation (der Link ist nicht überprüft). Der Verein, den er Ende der sechziger Jahre gründete und mit viel Engagement und Geld betrieb, wurde zunächst als „Internationale Friedensakademie Hamburg“ bekannt, später „Friedenspolitische Studiengesellschaft“. Die Friedensakademie hatte jahrelang zwei eigene Räume in der Hamburger Innenstadt, Große Bleichen 23. Daran angeschlossen war die „Friedensbücherei und Lesestube“, die Hertling vom früheren IDK-Vorsitzenden Theodor Michaltscheff übernommen hatte. Dort wurden Bücher und Zeitschriften sowie die Korrespondenz von Herrn Hertling aufbewahrt und waren dadurch jedermann zugänglich. Hertlings vielfältige Kontakte, langjährige Erfahrung und unermüdliche Arbeit machten die Friedensakademie nicht nur in Hamburg sondern bundesweit und international bekannt.

 

In den Räumen der Friedensakademie tagten in den sechziger bis achtziger Jahren verschiedene befreundete Gruppen und Vereine, insbesondere aus dem Friedens-, Menschenrechts- und Umweltschutzbereich. Dazu gehörte Ende der sechziger Jahre die „Jugendgruppe InterVer“ (InterVer = internationale Verständigung) mit wöchentlichen Treffs. „InterVer“ unterstützte das von Tilmann Zülch geleitete „Aktionskomitee Biafra-Hilfe“, das sich später zum bundesweit bekannten Verein „Gesellschaft für bedrohte Völker“ entwickelt hat. Außerdem wurde InterVer zur Keimzelle der „Internationalen Jugendgemeinschaft“, siehe unten.

 

Kontakt mit mir (Barthold Olbers)

1968 oder 1969 betrat ich, Barthold Olbers, ca. 22 Jahre alt, erstmals die Räume der Friedensakademie, lernte Herrn Hertling kennen und beschloss sofort, mich an den Aktivitäten zu beteiligen. Auch ich machte auf ihn sofort einen guten Eindruck. Auf seinen Wunsch hin wurde ich nach wenigen Wochen Vorstandsmitglied der Friedensakademie. Außerdem erfuhr ich von der Existenz der Jugendgruppe InterVer. Da InterVer meinen Vorstellungen von einer friedensorientierten Jugendorganisaton weitgehend entsprach, schloss ich mich der Gruppe an. Durch meinen Einsatz wurde InterVer zur Keimzelle der „Internationalen Jugendgemeinschaft – IJG“, die sich später um weitere Gruppen vergrößerte. Nach einigen Monaten entdeckte ich im Archiv der Friedensbücherei Unterlagen der Weltföderalisten und beschloss, mich dieser Bewegung anzuschließen. 1970 wurde auf mein Betreiben hin und mit Unterstützung des internationalen Büros die Hamburger Weltföderalisten-Gruppe gegründet, der auch Herr Hertling und einige seiner Gesinnungsfreunde beitraten. Sowohl die Internationale Jugendgemeinschaft als auch die Weltföderalisten tagten in den Räumen der Friedensakademie, und aus beiden Vereinen fanden sich engagierte Leute, die der Friedensakademie als Vorstandsmitglieder dienten. Die Friedensakademie wurde zu dem Forum, in dem die Weltbürger, die Weltföderalisten und andere Gruppen ihre Gedanken öffentlich darstellen und neue Mitglieder gewinnen konnten. Die Friedensakademie und die Internationale Jugendgemeinschaft gehörten später zu den Gründungsmitgliedern der „Werkstatt 3“ in Hamburg-Altona.

 

Impulse für die Gründung der Partei „Die Grünen“

Zu den Gemeinschaften, mit denen Herr Hertling und seine Freunde gute Beziehungen pflegten, gehörten die „Altionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher – AUD“ und die „Grüne Liste

Umweltschutz – GLU“. Beide verstanden sich als Parteien und hatten eine stark ökologische Orientierung. Da ich (Olbers) zu dem engeren Kreis um Hertling gehörte, gelang es mir, Vertreter der „Grünen Aktion Zukunft – GAZ“ von Herbert Gruhl, der AUD und der GLU zu einer gemeinsamen Versammlung zusammenzuführen. Das Gespräch verlief in einer freundschaftlichen Atmosphäre und machte den Weg frei zur Vereinigung zu einer neuen Partei: Die Grünen.

 

Menschenrechte

Sowohl Herr Hertling als auch die führenden Mitglieder der Internationalen Jugendgemeinschaft als auch die Weltföderalisten betonten die besondere Bedeutung der Menschenrechte für die Wahrung des Friedens. So war es selbstverständlich, das auch gute Beziehungen zu „amnesty international“ und zur „Deutschen Liga für Menschenrechte – DLfM bestanden. Erwähnen möchte ich hier, dass sich bereits zwischen den beiden Weltkriegen die beiden führende Persönlichkeiten der Liga Carl von Ossietzky und Albert Einstein zu den zentralen Aussagen der Weltföderalisten bekannt hatten. Aus der Hamburger Liga-Gruppe ging im Jahre 2000 mit Unterstützung durch die Weltbürger, die Weltföderalisten und Ehemaligen aus der IJG der Menschenrechtsbund hervor. Das Engagement und die Ideale von Herrn Hertling leben im Menschenrechtsbund weiter.

 

Das Ende der Friedensakademie

In den späten siebziger Jahren wollte Herr Hertling als Vorsitzender der Friedensakademie abgelöst werden, und wesentlich jüngere Menschen wurden in den Vorstand gewählt. Leider haben einige Vorstandsmitglieder in den achtziger Jahren die Übersicht verloren und schwerwiegende finanzielle Fehler gemacht. Das erzwang die Auflösung der Friedensakademie. Dadurch verloren einige befreundete Gruppen ihre Veranstaltungsräume und weitere Vorteile, die durch die enge Verbindung mit der Friedensakademie gegeben waren. Helmut Hertling starb am 8. Dezember 1991 im Alter von 101 Jahren. Die Hamburger Gruppen der DFG-IDK, der Weltbürger, der Weltföderalisten  und des Menschenrechtsbundes bestehen heute noch und sind immer noch beeindruckt von Hertlings Idealismus und beeinflusst von seinen Prinzipien.

 

Lesen Sie gern auch meinen Text „Die Bedingungen des Friedens“.

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